Ich kam nun endlich dazu Christopher Nolans „Die Odyssee“ im Kino zu sehen. Ich werde – auch wenn die Odyssee schon ca. 2800 Jahre alt ist – spoilern, da Christopher Nolan dieser bekannten Geschichte eine neue interessante Perspektive verleiht. Also nochmal Spoilerwarnung: ab jetzt ist jeder, der weiterliest, selbst schuld. Da ich mir für meine Rezensionen immer sehr lange Zeit lasse und einen Film auch mehrfach sehen und die Details eruieren möchte, ist das hier keine klassische ZeBlog-Kritik, sondern einfach ein paar Gedanken zum Film „Die Odyssee“, die ich gerne teilen/verewigen möchte.
- Gedanke: Die Odyssee hätte es ohne Batman und Oppenheimer nie gegeben:
Wie ihr bestimmt wisst, hat Christopher Nolan sowohl die sehr erfolgreiche Dark Knight-Trilogie als auch eine Biografie über Robert Oppenheimer inszeniert. Die Odyssee ist für mich der mentale Zusammenfluss aus diesen Filmen. Mit der Batman-Trilogie hat Nolan bereits bewiesen, dass er sich eine existierende Geschichte zu eigen machen kann und dadurch das Original beflügelt. Ähnlich wie die großen Comic-Autoren unserer Zeit wie z.B. Alan Moore bei „Swamp Thing“, macht Nolan diesen Schritt aber nicht, wenn die Geschichten oder Charaktere pulsieren und bereits Schwung hat, sondern wenn sie ausgebrannt oder übersättigt wirken. Hierbei denke ich sogar, dass der Ansatz, die Essenz des Charakters bzw. des Originalwerks herauszuarbeiten und dann eine in der Gegenwart existierende Logik darauf anzuwenden, eine Gemeinsamkeit von Moore und Nolan sind. Denn auch genau das wendet Nolan bei „Die Odyssee“ an. Er nimmt die poetische Originalvorlage, entfernt viele Schnörkel und fragt sich dann, was wäre, wenn man wirklich da gewesen wäre. Es klingt zwar etwas überspitzt, aber diese Vorgehensweise erinnert mich an einen Freund, dessen Lieblingsspiel die Sims war, weil das sehr lange das einzige Spiel war in dem aufs Klo zu gehen ein relevanter Teil des Spiels war. Wenn man ihm gesagt hat, dass das neue „Final Fantasy“ rausgekommen ist, stellte er teils ironisch, teils ernst die Frage, ob man in dem Spiel aufs Klo gehen müsste. Christopher Nolan ist genau so jemand, der sich traut einen nahezu prophanen Realismus in fantastische Werke einzubringen, denn tatsächlich stellt er sich auch in „Die Odyssee“ die tiefgründige Frage, wie denn die Griechen im trojanischen Pferd aufs Klo gegangen sind. Die Antwort im Film wirkt schockierend, offenbarend und gleichzeitig absurd: die Soldaten haben sich von oben nach unten angepinkelt und in den unteren Teil des Pferdes gekackt in dem sich bereits verstorbene Soldaten befanden. Diesen Hang zum rohen Realismus merkt man aber nicht nur im Dialog, sondern auch in der Visualisierung. Durch das Einbringen einer so konsequenten Art des Realismus stört Nolan auch die Genre-Grenzen nicht. Spätestens bei den Transformationen der Männer in Tiere durch die Hexe Circe, nimmt Nolan den kompletten Bodyhorror-Werkzeugkasten und erschafft Szenen, die einem David Cronenberg oder dem zuletzt sehr vielversprechenden Michael Shanks gerecht werden. Er fragt sich, wie kann diese Sache die wir einfach so hinnehmen und einen erzähltechnischen Vertrauensvorschuss geben, in Wirklichkeit funktionieren bzw. aussehen. Dadurch wirkt alles in der Welt fundiert und bedacht. Wenn Nolan jedoch mal nicht an die Reichweite der realen Welt selbst denkt, bedient er sich einer cleveren und simplen Technik. Der große Regisseur D.W. Griffith lamentierte in der Zeit, in der Hollywood ausschließlich nur noch in Studios drehte, dass den Filmen „der Wind in den Blättern fehlte.“ Das ist ein Problem, dass man bei Umgebungen oder Charakteren bezüglich visueller Effekte simulieren und bedenken muss. Wenn man hingegen so viel wie möglich in der realen Welt mit echten physischen Requisiten etc. filmt, muss niemand daran denken und es werden Dinge mitgefilmt an die niemand gedacht haben hätte können. Durch das Verwenden von physischen Requisiten, animatronischen Robotern, echten Schiffen auf einem echten Meer usw. zeigt Nolan den Zuschauern immer wieder den „Wind in den Blättern“, die einen Film sofort echt wirken lassen.
Man kann argumentieren, dass Nolan diesen Realismus und diese Authentizität in all seine Filme bringt – und vielleicht finde ich deswegen reale Geschichten, wie „Dunkirk“ nicht so gut – aber ich finde, dass der Realismus als Stilmittel in der Dark Knight-Trilogie gerade als ernstzunehmende Comicverfilmung eine große Rolle gespielt hat.
Wenn also der Realismus von Batman kommt, was nimmt „Die Odyssee“ von „Oppenheimer“ mit auf? Meiner Meinung nach ist es so simpel wie genial: Nolan transformiert Odysseus in Oppenheimer und ersetzt die Atombombe mit dem Trojanischen Pferd. Während es in „Oppenheimer“ eher um die Schuldgefühle und die Nachwirkungen in Robert Oppenheimer nach der Bombardierung von Hiroshima und Nagasaki geht und die Welt eher zum dramaturgischen Kniff wird, geht es in „Die Odyssee“ mehr um die Auswirkungen, die das trojanische Pferd über die Welt gebracht hat.
Nachdem Odysseus durch die List mit dem trojanischen Pferd die Tore Trojas öffnet, sieht er, wie das Chaos und die Brutalität über die Stadt in Form der 10 Jahre lang wartenden und wütenden Griechen einbricht. Die Stadt wird zerstört und egal, ob Frauen, Kinder, Ehemänner, Priester alle werden vor seinen Augen abgeschlachtet. Seine List hat das ermöglicht und obwohl er das Gesetz des Zeus, dass man jedes Tier und jeden Menschen respektieren soll, da es ein Gott in Verkleidung sein könnte, sogar bei der Jagd berücksichtigt, hat er Troja durch einen Trick, der dieses Gebot missachtet und viele Opfer gefordert hat, erobert. Diese goldene Regel wurde gebrochen und der Bruch mit dem Sieg über die uneinnehmbare Stadt Troja belohnt. Die Lieder über den Fall Trojas durch Odysseus List wurden in die Welt hinausgetragen und eine Welt bevor diese Regel gebrochen wurde, gab es ab diesem Zeitpunkt nicht mehr. Während des Films fürchten sich die Griechen vor den „Völker der See“, da diese kommen, die Gesetze der Götter missachten, brandschatzen und töten. Doch Odysseus zieht am Ende den Schluss, dass die Griechen die „Völker der See“ sind und er durch seinen Trick mit dem trojanischen Pferd das Gesetz des Zeus für immer gebrochen und somit die Bronzezeit beendet hat. Hier entsteht die meines Erachtens eindeutigste Parallele zu Oppenheimer, in dem ein neues Zeitalter aufgrund der Taten des Protagonisten anbricht, die Folgen dieses neuen Zeitalters ungewiss sein werden und die Protagonisten mit der Schuld leben müssen eine neue Ära gestartet zu haben, um einen Krieg zu beenden. Bevor man „Die Odyssee“ gesehen hat, hätte diese Parallele wahrscheinlich kaum jemand gemacht, aber dadurch, dass „Die Odyssee“ nach „Oppenheimer“ herauskam, war es für Nolan wahrscheinlich die logischste Schlussfolgerung, die es gibt.
2. Gedanke: Einordnung in unsere Zeit:
Ich weiß nicht, ob es daran liegt, dass Oppenheimers Geschichte relativ frisch ist und man noch nicht aus dem nuklearen Zeitalter ganz draußen ist, aber der Ansatz von „Die Odyssee“ resoniert stärker mit mir. Womöglich liegt es daran, dass danach keine Ungewissheit für uns herrscht, sondern man weiß, dass nach der Bronzezeit zumindest in Europa erstmal eine ganze Weile nichts (bis. so ca. 1400) außerordentlich positives passiert ist. Unter anderem kam schließlich danach das Mittelalter, was im Vergleich zum antiken Griechenland und der Bronzezeit echt scheiße war. Nolan trifft aber mit dem Thema einen irreversiblen Prozess auszulösen, nachdem die Welt und die Menschheit nie wieder dieselbe ist, einen Nerv unserer Gesellschaft, denn niemals zuvor gab es in so kurzer Zeit so viele globale Paradigmenwechsel wie in den letzten 100 Jahren. Kapitalismus, Atomphysik, Gentechnik, Quantenmechanik, Weltraumforschung, Globalisierung, Computer und Mobiltelefone, Internet, Künstliche Intelligenz etc. sind grundlegende Systeme, ohne die man sich die Welt einfach nicht mehr vorstellen kann. Alles geht so exponentiell schneller als zuvor. Während es ungefähr 100 Jahre benötigt hat Pferde durch Dampfmaschinen abzulösen, hat man sich heutzutage durch z.B. KI innerhalb eines Jahres von Berufen, Systemen und Prozessen verabschiedet. Innerhalb einer Generation kann mittlerweile ein so immenser Unterschied sein, dass mir z.B. meine Tochter nicht glauben wollte, dass man früher Sachen, die man nicht wusste, einfach nicht sofort nachschlagen konnte und man teilweise jahrelang warten musste oder zumindest ein aktuelles Lexikon durchforsten musste, um eine mögliche Antwort zu bekommen. Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem etwas wie ein Gesetz des Zeus, das Sicherheit und Stabilität gibt, jederzeit wegbrechen kann und wir uns nicht sicher sind, was denn die neuen „Spielregeln“ sein werden. Somit sind wir in konstanter Angst vor den „Völker der See“, die doch nur wir und unsere Taten zum Fortschritt sind. Die Menschheit muss fortschreiten, übersieht aber oft, welchen Preis sie für diesen Fortschritt letztendlich bezahlt. Wie der legendäre Ronnie James Dio im Lied „Children of the Sea“ bereits schrieb „wir gleiteten über den Boden bevor wir lernten, wie man rennt […] Greifen nach den Sternen und verdunkeln den Himmel dabei“. Das Hauptproblem dabei ist, dass der Fortschritt der Menschheit sich erst als Fortschritt abzeichnet, wenn man auf ihn zurücksieht. Im Moment des Fortschritts ist keine Aussage über diesen möglich. Erst wenn sich eine Änderung ereignet, erkennt man den Fortschritt. Aufgrund dieses grundlegenden menschlichen Problems, ist die Thematik von Nolans Odyssee ein zeitloses Thema und wird wahrscheinlich in 50 Jahren relevanter sein als sie heute bereits ist.
3. Gedanke: Ist Nolans Odyssee irreversibel?
Es gibt viele Filme, die einen so massiven Abdruck im Zeitgeist hinterlassen haben, dass man sich eine Zeit und Filme vor ihnen kaum vorstellen kann oder möchte. „Schneewittchen“, „Toy Story“ und relativ aktuell „Spiderman: Into the Spiderverse“ haben die Art der Animation für immer verändert. Was wäre die Sci-Fi-Landschaft ohne „Das Ding“, „Star Wars“ und „2001: Odyssee im Weltraum“? Kann man sich heute noch eine Welt vorstellen, in der es Fantasy-Filme ohne „Harry Potter“ oder „Herr der Ringe“ gäbe? Wie sähe die heutige Horrorfilmlandschaft ohne „Halloween“, „Blair Witch Project“ und „Psycho“ aus? Und ganz genreunabhängig: „The Jazz Singer“ hat den synchronen Ton in den Film gebracht, „Der Zauberer von Oz“ hat dem Farbfilm zur Popularität verholfen und „Beasts of no nations“ hat gezeigt, dass Filme im Streaming ohne Kino lukrativ veröffentlicht werden können.
Aber auch wenn Nolans „Die Odyssee“ diesen thematischen Fokus auf einen Punkt ohne Zurück legt, ist der Film, denn genau so ein Film, der die Industrie erschüttert und die Welt sagen lässt: Wisst ihr noch wie es vor Nolans „Die Odyssee“ war?
Wenn man die einzelnen Teile betrachtet, dann ist „Die Odyssee“ meiner Meinung nach ein großartiger Film, aber er bietet nichts, was wir noch nicht gesehen haben. Imposante antike Geschichten neu zu inszenieren, kennt man aus der goldenen Zeit von Hollywood. Auch verstaubte, überlange und fast schon ermüdende Sandalen-Epen eine moderne Note zu verpassen, ist spätestens seit Ridley Scotts „Gladiator“ auch nichts Neues. Minimalistische Verwendung von Spezialeffekten und mehr Realismus in den Film zu bringen, wird auch von einigen Regisseuren seit Jahren wieder vorangetrieben. Einen Film in IMAX zu filmen und ihn für das Kinoerlebnis zu schaffen, gab es auch schon zuvor.
Wenn man „Die Odyssee“ aber holistisch betrachtet und alles zusammenaddiert, entsteht etwas anderes: eine Neuinterpretation einer antiken Geschichte, die durch ihren Realismus, ihre Liebe zum Detail und die absolute Überzeugung, ein überlanges Kinoerlebnis zu erschaffen, versucht, das Kino selbst wieder zu einem Ereignis zu machen.
Ob Nolans „Die Odyssee“ nun tatsächlich ein neues Zeitalter der Blockbuster bzw. der Mainstream-Medien einleitet, kommt auf die Auswirkungen an, die der Film erzeugt. Vielleicht wird er einfach ein sehr erfolgreicher, sehr guter Film sein. Vielleicht wird er andere Regisseure dazu bringen, wieder größere Risiken einzugehen und Filme fürs Kinoerlebnis und nicht für die Studios zu machen. Vielleicht wird er zeigen, dass das Publikum auch im Zeitalter von Streaming, kurzen Aufmerksamkeitsspannen und immer stärker computergenerierten Bildern bereit ist, für ein gewaltiges, physisches Kinoerlebnis mehrere Stunden im Saal zu verbringen. Oder vielleicht wird er in ein paar Jahren tatsächlich einer dieser Filme sein, bei denen man fragt: „Wisst ihr noch, wie Blockbuster vor Nolans „Die Odyssee“ waren?“
Und genau hier finde ich die Ironie besonders schön. Denn die Thematik des Films ist, dass man im Moment einer historischen Veränderung nicht wissen kann, welche Konsequenzen sie haben wird.
Was wäre also, wenn ein Film, dessen zentrales Thema die Ungewissheit über den Beginn einer neuen Ära ist, selbst eine neue Ära des Kinos einleitet – und wir das jetzt überhaupt noch nicht erkennen können? Ein Film, der auf dem Papier vielleicht wie eine weitere große Neuverfilmung einer uralten Geschichte aussieht, könnte dadurch selbst zu dem werden, worüber er erzählt: zu einem zuerst angenommenen trivialen Ereignis, dessen wirkliche Bedeutung erst in der Zukunft sichtbar wird.
Ich würde es Herrn Nolan auf jeden Fall als ultimativen handlungstechnischen Meilenstein gönnen.
Vielen Dank fürs Lesen.
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