Nirgends auf der Welt scheint die Wurst so in die Helix des Erbguts gebrätet zu sein, wie bei uns Mitteleuropäern. Ob man nun südlich oder östlich des Weißwurstäquators oder westlich des Kuckucksuhrengeburtsort schaut, die Wurst ist Kultur, die Wurst ist Identität und die Wurst ist Gesetz.
Es ist egal, ob es die Chorizo in Spanien, die Salami in Italien, die Krakauer in Polen oder Michis Feuerwurst auf dem Oktoberfest ist, Hauptsache wir dürfen Tierinnereien eingehüllt in anderen Tierinnereien essen. Wehe, dem man nimmt uns das weg. Ich habe schließlich ein Recht darauf Tierinnereien eingepackt in Tierinnereien zu essen – obwohl die Tierinnereien mittlerweile nicht mal mehr in Tierinnereien, sondern in Kollagen oder Plastik eingepackt sind. Achja und so viele Tierinnereien sind ja auch nicht mehr drin, weil das ganze ja mit Wasser, und Stärke gestreckt und verdickt wird. Aber ich lasse mir trotzdem nicht verbieten ca. 30% vom ursprünglichen Produkt, was ich lamentiere, nicht mehr essen zu dürfen. Ach, es wird auch nicht verboten, nur appelliert mit etwas mehr Bedacht zu konsumieren? Unerhört! Aus Trotz kaufe ich mir erstmal eine Yacht. Wie der eine Metzger um die Ecke. Solche Leute muss man noch unterstützen: Selfmade Bierwurst-Barone und Lyoner-Löwen. Echte altruistische Weltverbesserer. Gestern bekämpfen sie noch BSE und heute schenken sie der kleinen Matilda eine Scheibe Jagdwurst. Einfach so. Das sind ungefähr 50 Cent bzw. eine halbe Kugel Eis oder ein vierundzwanzigstel Kinoticket. Wo gibt es denn noch sowas heute noch? Haben Sie das schonmal an der Theke nebenan mit Käse oder mit Fisch erlebt? Gibt es sowas in anderen Industrien? Hat die kleine Matilda Mal einen Bohreraufsatz im Baumarkt bekommen oder einen Probehamster in der Zoohandlung? Nein, denn diese kulturelle Verschmelzung von verstecktem Konsumanreiz und Fleisch bietet nur die Wurst.
Gut, man muss auch zugeben, dass das Wort „Wurst“ schon das Humorzentrum des deutschen per se kitzelt. Wenn ein übergewichtiger Dackel nicht aufs Sofa wegen einem länglichen Kissen hochkommt, dann kann die Fellwurst wegen der Bettwurst nicht auf dem Sofa liegen. Und wer muss nicht schmunzeln, wenn er in der Werbung lachende Kinder sieht, die sich Wurst in Bärchenform mit Gesichtern drauf in die Futterluken stopfen? Hach und macht es uns nicht glücklich, wenn wir an das Rügenwalder Mühle Lied denken, das wir in der Grundschule umgedichtet haben zu „in die Hose machen wie das duftet“. Hier hört es mit der Musikalität der Wurst jedoch nicht auf. Es gibt das „Bonbon aus Wurst“ von Helge Schneider – was ein extrem absurder Euphemismus für das männliche Glied sein soll. Conchita Wurst hat den ESC gewonnen. Die Ärzte besingen in einer melancholischen Wehmut „früher da war ich eine Currywurst“, und natürlich hat alles „ein Ende, nur die Wurst hat zwei“. Wenn das so wäre, dann würde irgendeine Paprikalyoner vom Metzgermeister Dieter das Universum überstehen. Möglich aber unplausibel, oder wie der große Physiker Sir Isaac Gelbwurst sagte: Wurst ist mächtig aber nicht so mächtig wie das Universum.
Und mit diesem extrem philosophischen Satz, der auch auf einer Fußmatte stehen könnte, verabschiede ich mich vorerst. Danke fürs Lesen.
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