Na, irgendwie verrückt, oder? Was für die Spanier das „¿Qué pasa?“, die Franzosen „Ça va?“ und für die Amerikaner „What’s up?“ ist, ist für die Deutschen nicht wirklich existent. Während es in videospielorientierten Chatrooms und Servern zwar das „S’geht“ gibt, sucht man im alltäglichen Duktus vergebens nach einem Vergleich. Was jedem geläufig sein sollte und auch wahrscheinlich ist, ist das Wörtchen „na“. Doch im Gegensatz zu den bereits angeführten Floskeln ist „na?“ nicht einfach mit „na?“ zu erwidern, denn das wäre absolut undenkbar und lächerlich für den Deutschen. Man entgegnet seinem Dialogpartner bei der Frage „Wie viel Uhr ist es?“ ja auch nicht mit „wie viel Uhr ist es?“. Das wäre zwar witzig, aber eben genau aus diesen absurd-unlogischen Gründen, die das Beispiel aufzeigen soll.
Was ist denn aber nun dieses deutsche „Na“ und wie setzt man es ein? Nun ja, „na“ ist genau so universell und facettenreich in der deutschen Sprache wie „tja“ oder „oha“. Ob nun die Oma verfrüht verstorben ist, ein Kollege erfährt, dass sein Doktor sowohl sein Bruder als auch sein verschollener Vater ist, oder dass Affen Bananen generell andersrum schälen als Menschen, mit einem „Oha“ ist alles gesagt.
Das „Tja“ ist etwas schwieriger, denn das „Tja“ ist immer mit Missgunst, Schadenfreude oder zumindest mit einer „habe-ich-dir-doch-gesagt“-Einstellung verbunden. Ein fortgeschrittenes Derivat des „Tja“ ist das „Tja dann“, was dieses Gefühl von „kann-man-nichts-machen-ist-halt-so“ mit einem „trotzdem-machen-wir-weiter“ kombiniert. Eine sehr schöne filmische Darbietung des „tja dann“ gibt es in der zweiten Staffel der Serie „Fargo“, in der einer Metzgerei zum Abschied von drei Charakteren nur „tja dann“ (im englischen Original „okay then“) gesagt wird. Damit wird ein vorheriges ungewöhnliches, aber triviales Ereignis, in dem ein Kunde seine bestellten Waren nicht abgeholt hat, abgeschlossen und es wird gesagt, dass man aber weitere Alltagsabenteuer zuhause in Angriff nehmen muss. Es zeigt in diesem Fall, dass die Charaktere diese kleine Unstimmigkeit tolerieren, nun aber lieber mit dem geordneten Leben weitermachen wollen. Ohne diese absolut fantastische Serie zu spoilern, sagen das bestimmte Charaktere ab einem gewissen Punkt nicht mehr, da sie merken, dass es kein „tja“ und auch kein „dann“ mehr in dieser Situation gibt.
Kommen wir aber auf das „na“ zurück. Während „oha“ und „tja“ eher als Antworten fungieren, ist das „na“ eine Initiierung in ungeahnte Möglichkeiten. Ein „na“ kann insbesondere heißen:
– Wie geht’s dir/euch?
– Was habt ihr/hast du so getrieben?
– Wie war Ereignis X?
– Wie fandest du/fandet ihr das?
– Erzähl du/erzählt ihr doch mal!
Dazu kann man das „na“ vor jeden Satz packen, um eine Konversation zu starten, egal wie banal oder komplex das Thema ist. Es ist daher nicht relevant, ob man sagt „na, hat es gestern bei euch auch geregnet?“ oder „na, wie stehst du zum neuesten Ansatz der Weltformel und was das für die Existenz von Materie und einer Seele bedeutet?“. Daher ist das bloße „na“ ohne vorherigen Kontext in den Raum zu werfen eine endlose Wundertüte an Möglichkeiten. Wird euch euer Gegenüber von seiner Lieblingsfolge aus Breaking Bad erzählen, berichten, was es am 23. April 2019 gemacht hat, oder erklären, was es an den Lachsen des Rivière Coxipi so faszinierend findet? Man weiß es nicht. Daher versucht doch einfach diese Kuriosität der deutschen Sprache auszunutzen, um interessanten Gesprächsstoff mit anderen zu haben. Na, wie klingt das?
Vielen Dank fürs Lesen.
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